… na, dat auch noch!
Über die Helden der Geschichte
Lufo, männlich, 57 Jahre alt, 1,74 m groß, um den Bauch herum etwas füllig und Frührentner mit Ruhrgebietsdialekt, kommt aus einer alten westfälisch/hessischen Familie.
Er ist eher von gemütlicher Grundstimmung, mag ein Leben mit Tieren und ist gerne in der Natur. Seine Kindheit verlebte er im Ruhrgebiet. Es war gerade dieser Schmelztiegel von Menschen unterschiedlicher Herkunft, woraus sich seine sozialen und kulturellen Werte und Vorstellungen vorgaben. Dazu gehörte auch seine Berufsausbildung zum Elektriker auf einem der großen Stahlwerke. Wäre sein Unfall nicht gewesen, so wäre er wohl bis zur Rente auf den Stahlwerk beschäftigt geblieben.
Aber da war eben dieser Unfall, der sein Leben total änderte. Lufo liebt es, in immer den gleichen ‘Klamotten’ herumzulaufen und trägt eine abgewetzte Schlägermütze, was Hedwig regelmäßig zur Verzweifelung treibt. Hedwig ist seine Frau, mit der er seit 23 Jahren verheiratet ist.
Hedwig, weiblich, 48 Jahre alt, zählt die Jahre, die sie mit Lufo zusammenlebt nicht mehr. Für sie ist Lufo ein Zustand, den man besser größtenteils ignoriert. Im Grunde ist sie eine herzliche und gutmütige Frau, deren Schönheit sich eher innerlich ist als äußerlich. Aber letztlich liebt sie „ihren“ Lufo heiß und innig und das ist auch gut so.
Lufo und das Feng Shui
Mit einem gewissen Lebensalter beginnt der Mensch, über sich und den Sinn des Lebens nachzudenken. So war es auch bei Lufo der Fall. Oft saß er auf seiner neuen Gartenbank, die ganz romantisch unter einem großen Obstbaum stand, auf der auch Henriette gerne saß und schaute über seine heile, kleine Welt.
Das gefiel Lufo und wenn Hedwig ihm seinen Tee hier unter dem Obstbaum servierte, ging es ihm so richtig gut. Das zumindest dachte Lufo bis zu dem Tag, als er im Supermarkt ein Fachbuch zum Superpreis angeboten fand. Sein Titel lautete: „Gartenharmonie mit Feng Shui“. Und im Untertitel stand: „Schöne Gärten spenden schon an sich Ruhe und Erholung. Diese Orte der Entspannung können jedoch zu wahren Oasen der Harmonie werden – mit Feng Shui, der altchinesischen Kunst und Wissenschaft vom Leben im Einklang mit der Umgebung“.
Lufo war erstaunt und hoch interessiert. Also kaufte er das Sonderangebot.
Zu Hause, unter dem Obstbaum auf seiner Gartenbank, begann er mit dem Lesen des Buches. Die Wurzeln des Feng Shui waren sehr alt. Schon 8000 vor Christus war diese Lehre in Asien entstanden. Der Gelehrte Laotse beschrieb in seinem Werk über den Taoismus, das „Tao Te King“ eben auch das Feng Shui. Lufo war fasziniert. Und er erfuhr erst jetzt etwas davon. Oh, die Welt war doch ungerecht.
Dann las er weiter und erfuhr, dass die Lehre des Feng Shui von einer universellen Lebensenergie ausging – dem Chi; und dass diese Lebensenergie in allem fließt – in Menschen, Tieren, Pflanzen, ja, sogar in allem Unbelebten. Dies galt besonders für einen Garten und um den ging es ja Lufo. Das Chi zeigt sich durch das Prinzip von Yin und Yang und unterliegt den fünf Elementen.
Lufo las und las, bis er das Buch ausgelesen hatte. Dieser sonnige Tag unter dem Baum sollte Lufos Leben und somit auch das der anderen Familienmitglieder verändern. Lufo rechnete Hedwig und die Tiere, ohne große Worte darüber zu machen, selbstverständlich mit zur Familie.
Er blickte auf. Hedwig hatte ihm eine neue Tasse Tee überreicht, Pelle lag zu seinen Füßen und die Hühner liefen pickend über den großen Rasen. Lufos Augen sondierten den Garten. Das heißt, er schaute sich die Lage der Bäume und Sträucher an sowie das Gartenhaus, welches gleichzeitig das Hühnerhaus war, und er teilte vor seinem geistigen Auge den gesamten Garten in 9 quadratische Teile auf, so wie es im Buch beschrieben war. Die 9 Quadrate entsprachen dem Bagua, einem Hilfsmittel für die Schaffung von Harmonie im Garten. Jedem dieser Quadrate ist eine besondere Bedeutung hinsichtlich des Chi zugeordnet. Zufälle gibt es hier nicht. So war Lufo froh, dass das Gartenhaus an der richtigen Stelle stand. Aber der Rest des Gartens, entsprach auch er dem Feng Shui? Dies zu ermitteln war seine nächste Aufgabe.
Hierzu rief er Hedwig, sie solle ihm bei dieser wichtigen Arbeit zur Hand gehen.
Lufo teilte den Garten in genau 9 Teile auf. Dann schlug er kleine Holzpflöcke in den Boden. Hieran befestigte er eine Schnur und Hedwig musste mit der Schnur von einem Pflock zum andern laufen, während Lufo ihr, auf der Gartenbank sitzend, entsprechende Anweisungen zurief. Es sah schon recht lustig aus, fand Henriette, die im Apfelbaum saß und beobachtete, wie Hedwig im Garten hin und her lief. Dabei machte Hedwig ein recht unfreundliches Gesicht. Das merkte Lufo gar nicht. Bei solch großen und wichtigen, lebensverändernden Maßnahmen konnte er keine Rücksicht nehmen. Da musste jedes Familienmitglied seinen Betrag leisten.
Bald war der Garten in besagte 9 Quadrate eingeteilt.
Lufo war ganz zufrieden, bis er zur besseren Orientierung auf seine Leiter stieg.
Ja, man könnte sagen, Lufo erschrak förmlich, als er den eingeteilten Garten von oben sah. Es waren die gepflasterten Wege, die ihm ins Auge fielen. Sie waren, wie in seiner Heimat üblich, schnurrgerade. Und das durften sie nach dem Feng Shui gerade nicht sein.
Lange gerade Wege haben, so die chinesische Lehre, einen negativen Einfluss auf die Harmonie. Sie beschleunigen das Chi, das über sie rast, anstatt ruhig zu verweilen. Lufo sah schon vor seinem geistigen Auge, wie das Chi den Weg entlang direkt auf die Küchentür zuraste und von ihr zurückgeworfen wurde. Da weiteres Chi nachraste, konnte es in der Folge nur dazu kommen, das dass entstand, was man am Meer als Wellen beobachten konnte. Und so würde die Welle größer und größer werden und wenn Hedwig die Küchentür öffnete, um zum Beispiel Küchenkräuter aus dem Garten zu holen, würde sie von der Chi-Welle erfasst und wo möglich zu Tode gedrückt werden, während das Chi in das Haus eindrang und dort alles überspülte. Nun konnte es auch sein, das die „Todeswelle“ gerade dann kam, wenn er selbst die Küchentür öffnete. Und Lufo wurde ganz bleich im Gesicht bei diesem Gedanken. Das durfte nicht sein, das musste er verhindern.
Schon am nächsten Tag erschien der Baumunternehmer Jupp Schneider aus dem nahen Dorf. Er hatte zu Lufos Zufriedenheit die Wege im Garten angelegt und sich dabei recht viel Mühe gegeben. Nun stand er mit Lufo im Garten, sah die Schnüre auf dem Boden und staunte nicht schlecht, als Lufo ihm erklärte, die Wege müssten alle geändert werden – wegen Feng Shui, der asiatischen Harmonielehre.
Jupp Schneider wären wohl die Zähne aus dem Mund gefallen, hätte er nicht ein Gebiss getragen; er traute seinen Ohren nicht. Lufo verlangte tatsächlich von ihm, die wunderbar schnurrgerade gelegten Wege wieder abzureißen? Jupp Schneider verstand die Welt nicht mehr! Mit offenem Mund starrte er Lufo an, dann drehte er sich um und war von Stund an nicht mehr gesehen. Auch die Anrufe bei Jupp Schneider zeigten keinen Erfolg. Jupp Schneider war nicht zu sprechen.
Was sollte Lufo nun tun? Die Wege im Garten konnten auf keinem Fall so bleiben. Der rettende Gedanke hieß: Kowalski. Kowalski war Lufos Nachbar. Kowalski stammte aus dem Ruhrgebiet wie Lufo und hatte sich hier auf dem Lande als Frührentner niedergelassen.
Mit ihm besprach sich Lufo also und erklärte ihm seine ausweglose Lebenslage.
Kowalski war ein echter Kumpel. Natürlich würde er Lufo nicht im Stich lassen, wie es Jupp Schneider, der Bauunternehmer getan hatte!
Und so kam es, dass in den nächsten zwei Wochen heftige Bautätigkeiten im Garten einsetzten. Dann war es geschafft und das Ergebnis überwältigend. Die Wege verliefen in Kurven und Sträucher bremsten das Chi – genauso, wie es im Fachbuch „Gartenharmonie mit Feng Shui“ beschrieben war.
Als nächstes wurde das Projekt Goldfischteich in Angriff genommen. Im Sinne des Feng Shui sammelt Wasser das Chi und gibt es über sein Fließen gleichmäßig an seine Umgebung ab. Besetzt man den Teich dann noch mit Goldfischen, so ist ein glücklicher Zustand im Garten erreicht. Um dies zu verwirklichen, hoben Kowalski und Lufo ein großes Loch mitten auf dem 6 Quadrat aus. Mit Teichfolie wurde das Loch ausgelegt und der Rand mit Steinen und Pflanzen befestigt. Bald war ein Filter installiert und Wasser füllte das Loch, welches jetzt zu einem großen Gartenteich wurde. Am nächsten Tag fuhren Kowaski und Lufo in ein Zoogeschäft und kauften einige große Goldfische. Diese setzten sie dann unter den erstaunten Blicken der Hühner und Pelles im neuen Gartenteich aus. Fertig! Nun konnte das Chi gemäß dem Feng Shui fließen.
Lufo saß wieder einmal auf seiner Gartenbank. Und er glaubte schon deutlich, die Harmonie im Garten zu spüren. Sein Blick ging hinüber zum neuen Gartenteich, den die Hühner als Wassertränke für sich entdeckt hatten. Hedwig fütterte gerade die Goldfische darin.
Ja, Lufo genoss seinen Tee – genoss die Harmonie im Garten. „Schön, dass es die uralte Lehre von Feng Shui gibt“, dachte er und sah, wie einer der Goldfische nach einer Mücke schnappte.
